6. Transnationale Grazer Literaturtage
22.–24.10.2026
Der Ausgangspunkt der sechsten Ausgabe des Literaturfestivals WELTWORTREISENDE ist der Begriff der „überlappenden Territorien, miteinander verflochtenen Geschichten“, den Edward Said in seinem Werk Kultur und Imperialismus theoretisiert. Die Kultur spielt eine wesentliche Rolle in den Herrschaftsmechanismen über Völker. Der US-amerikanische Intellektuelle palästinensischer Herkunft nennt als Beispiel den Einfluss des europäischen Romans des 19. und 20. Jahrhunderts auf die Legitimierung kolonialer und imperialer Eroberungen und der damit einhergehenden rassistischen Narrative, gleichzeitig beleuchtet er den Widerstand, den die unterdrückten Bevölkerungsgruppen leisteten. Said erinnert uns daran, dass westliche als auch nicht-westliche Kulturen nie isoliert existieren und ihrem Wesen nach stets hybrid sind, da Gesellschaften immer miteinander in Kommunikation stehen. Die Geschichte der Metropole und die der Kolonien können deshalb nicht getrennt veranschaulicht werden, sie sind eng miteinander verknüpft und voneinander abhängig. Erst die gemeinsame Betrachtung trägt zum Verständnis vergangener Ereignisse bei. Wir freuen uns, dieses Jahr Babs Gons (Niederlande), Don Mee Choi (USA/Südkorea), Francesca Melandri (Italien), Roger Robinson (Großbritannien), Sofia Jernberg (Schweden), Stefan Schmitzer (Österreich), Laurène Southe (DR Kongo), Yvegeniy Breyger (Ukraine/Deutschland), Makenzy Orcel (Haïti) auf dem Festival begrüßen zu dürfen. Ihre Romane und ihre Gedichte sind wie Orte, die räumliche und zeitliche Grenzen aufheben und die Weltkarte neu definieren. Invasionskriege in der Ukraine und im Kongo, verdrängte Erinnerungen an die italienische Kolonialherrschaft und an den Zweiten Weltkrieg, historische Traumata in Südkorea, systemische Gewalt, die Situation der Frauen in Haiti, Identitäten in der Diaspora, Exil und Entwurzelung sowie die Suche nach dem Selbst sind Themen, die sich durch ihre literarische Vorstellungswelten ziehen. Wir freuen uns zudem über den Besuch von Sofia Jernberg in Graz, einer experimentellen Sängerin und Komponistin, die alle möglichen Ressourcen der Stimme auslotet und deren hybride Kompositionen musikalische Traditionen sowohl aus Afrika als auch aus dem Westen in einer ständigen Neuinterpretation miteinander vermischen. Wie jedes Jahr wird an eine verstorbene Schriftstellerin als Hommage gedacht, diesmal an Marie Vieux-Chauvet, deren Werk einen unverstellten Blick auf die Welt von gestern, heute und morgen wirft.
Kuratiert von Fiston Mwanza Mujila